Unsere älteren Gemeindemitglieder – eine Geschichte von Arbeit, Heimat und Verantwortung
Viele der Menschen, die heute zu den älteren Mitgliedern unserer Gemeinde gehören, tragen eine besondere Lebensgeschichte mit sich.
In den 1950er, 1960er und 1970er Jahren kamen zahlreiche Menschen aus unterschiedlichen Ländern nach Deutschland. Viele wurden damals als sogenannte „Gastarbeiter“ angeworben. Auch aus der Türkei kamen Frauen und Männer nach Deutschland, um hier zu arbeiten. Für viele von ihnen war der ursprüngliche Gedanke ganz einfach: einige Jahre arbeiten, etwas aufbauen und anschließend in die Heimat zurückkehren.
Das Leben nahm jedoch häufig einen anderen Weg.
Die deutsche Wirtschaft benötigte Arbeitskräfte. Viele der Zugewanderten arbeiteten in Fabriken, im Handwerk, im Baugewerbe, im Dienstleistungsbereich und in zahlreichen weiteren Berufen. Sie übernahmen oftmals körperlich schwere Arbeit, lernten eine neue Sprache und mussten sich in einer zunächst fremden Umgebung zurechtfinden. Zugleich erkannten viele Unternehmen, wie wertvoll erfahrene und bereits eingearbeitete Beschäftigte waren. Aus wenigen Jahren wurden deshalb bei vielen Jahrzehnte. Ehepartner und Kinder kamen nach, Familien wuchsen hier auf, und aus einem vorübergehenden Aufenthaltsort wurde Stück für Stück ein Zuhause.
Jede dieser Geschichten ist anders. Manche Menschen blieben, andere kehrten zurück. Manche fanden schnell Anschluss, andere mussten lange mit Einsamkeit, Sprachbarrieren und Heimweh umgehen. Deshalb möchten wir diese Geschichte nicht verallgemeinern und auch nicht politisieren. Wir möchten sie vielmehr mit Respekt erzählen.
Denn diese Menschen haben einen wichtigen Teil ihres Lebens hier verbracht. Sie haben gearbeitet, Steuern und Sozialabgaben geleistet, Kinder großgezogen, Nachbarschaften mitgeprägt und zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet beigetragen. Viele von ihnen haben zugleich unsere Moscheegemeinden aufgebaut, unterstützt und über Jahrzehnte getragen.
Heute sind zahlreiche Mitglieder dieser Generation im Ruhestand. Nun verändert sich ihre Lebenssituation – und damit auch unsere Verantwortung als Gemeinde.
Gemeinschaft bedeutet, füreinander da zu sein
Eine Moschee ist für uns weit mehr als ein Ort, an dem Menschen gemeinsam beten.
Im islamischen Verständnis bedeutet Gemeinschaft auch, füreinander Verantwortung zu übernehmen. Die Cemaat, die örtliche Gemeinde, und im weiteren Sinne die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, verbinden Menschen über Herkunft, Beruf, gesellschaftliche Stellung und Alter hinweg.
Vielleicht lässt sich das an kaum einem Ort schöner beobachten als beim gemeinsamen Gebet: Der ehemalige Arbeiter steht neben dem Unternehmer, der Student neben dem Rentner, der in Frankfurt Geborene neben dem Menschen, der erst vor wenigen Jahren hierhergekommen ist. Herkunft und gesellschaftlicher Status treten für diesen Moment in den Hintergrund. Die Menschen stehen Schulter an Schulter vor Allah.
Und oftmals beginnt genau dort auch ein Gespräch.
Ein älterer Mensch erzählt einem Jüngeren von seinen ersten Jahren in Deutschland. Ein junger Mensch hilft bei einer Frage, die heute vielleicht digital erledigt werden muss. Jemand erfährt, dass ein Gemeindemitglied erkrankt ist oder schon längere Zeit allein lebt. Aus einer Begegnung wird Aufmerksamkeit – und aus Aufmerksamkeit wird Verantwortung.
Unsere älteren Menschen nicht vergessen
Seit vielen Jahren gehört es deshalb zum Selbstverständnis unserer Gemeinde, ältere Gemeindemitglieder ehrenamtlich und unentgeltlich zu begleiten.
Manchmal geht es um eine Frage des Alltags oder darum, Orientierung und einen Ansprechpartner zu finden. Manchmal ist es ein Gespräch. Und manchmal ist das Wichtigste schlicht ein Besuch.
Wenn Menschen erkranken, versuchen Mitglieder unserer Gemeinschaft, sie zu Hause, im Krankenhaus oder – soweit möglich – in anderen Einrichtungen zu besuchen. Auch Menschen, die im Alter allein leben, sollen wissen, dass sie Teil einer Gemeinschaft bleiben.
Diese Verbundenheit endet für uns auch nicht mit dem Tod.
Wir erinnern an unsere verstorbenen Mitglieder und Gemeindemitglieder und schließen sie in unsere Gebete ein. Jedes Jahr kommen Menschen zusammen, um ihrer zu gedenken und für sie zu beten. Hinter jedem Namen steht schließlich ein Mensch, eine Familie und eine Lebensgeschichte – und häufig auch ein Stück Geschichte unserer Gemeinde und unserer Stadt.
Dankbarkeit weitertragen
Viele der Menschen, denen wir heute im Alter begegnen, haben vor fünfzig oder sechzig Jahren an einem Bahnhof oder Flughafen in Deutschland gestanden und nicht wissen können, dass ihre Kinder und Enkel eines Tages Frankfurt ihre Heimat nennen würden.
Sie haben einen Teil des Weges vor uns zurückgelegt.
Als Vorstand unserer Gemeinde verstehen wir es deshalb als eine wichtige Aufgabe, diesen Menschen mit Würde, Aufmerksamkeit und Dankbarkeit zu begegnen. Nicht aus Mitleid, sondern aus Respekt vor ihrer Lebensleistung und aus unserem islamischen Verständnis von Gemeinschaft und Verantwortung.
Religionsgemeinschaften können gerade in einer Stadt wie Frankfurt etwas Besonderes leisten: Sie bringen Generationen, Herkunftsgeschichten und gesellschaftliche Lebenswelten zusammen. Sie können Orte schaffen, an denen Menschen nicht nur nebeneinander leben, sondern einander begegnen, sich zuhören und füreinander da sind.
Unsere älteren Gemeindemitglieder haben diese Gemeinschaft über viele Jahrzehnte mit aufgebaut.
Ihr gehört weiterhin mitten in unsere Gemeinschaft. Eure Geschichten gehören zu unserer Geschichte. Und ihr seid nicht allein.
